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Patric Warten

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Traumagedächtnis und Traumabrille

Das Traumagedächtnis – Die Welt durch die Traumabrille sehen

Traumagedächtnis
Traumagedächtnis

Das Traumagedächtnis beschreibt die besondere Art und Weise, wie belastende oder traumatische Erfahrungen im Gehirn gespeichert werden und wie sie das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen langfristig beeinflussen können.

Wie entstehen traumatische Erinnerungen?

Im limbischen System des Gehirns werden Sinneseindrücke, Erlebnisse und Gefühle emotional verarbeitet. Dieser Bereich ist eng mit unseren Emotionen verbunden und spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Emotionen wie Angst, Freude, Traurigkeit, Scham oder Wut.

Kommt es zu einem traumatischen Ereignis, kann das limbische System, genauer gesagt die Amygdala (Mandelkern) des limbischen Systems, mit der Verarbeitung der überwältigenden Eindrücke überfordert sein. Besonders häufig geschieht dies bei belastenden Erfahrungen in der Kindheit, wenn die psychischen und neurologischen Bewältigungsmöglichkeiten noch nicht vollständig entwickelt sind.

Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass traumatische Erlebnisse oftmals anders gespeichert werden als gewöhnliche Erinnerungen. Während normale Erinnerungen in einen zeitlichen und sachlichen Zusammenhang eingeordnet und in verschiedenen Hirnregionen nach Verarbeitung abgespeichert werden, verbleiben traumatische Erfahrungen häufig fragmentiert und stark emotional aufgeladen im limbischen System. Das Erlebte wird gewissermaßen als Traumagedächtnis „eingefroren“ weil das Ereignis zu überwältigend war. Es kann dann auch Jahre oder Jahrzehnte später noch intensive Gefühle auslösen. Das Trauma verbleibt somit im limbischen System, genauer gesagt in der Amygdala (Mandelkern) des limbischen Systems.

Die Traumabrille – Wenn die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst

Durch die Traumabrille erleben und verarbeiten wir den Alltag anders
Durch die Traumabrille erleben und verarbeiten wir den Alltag anders

Wie bereits oben beschrieben werden im limbischen System Erlebtes und Sinneseindrücke auf emotionaler Ebene verarbeitet. Zusätzlich erfolgt immer auch eine mentale, sachliche Verarbeitung im sogenannten präfrontalen Kortex (das liegt im Bereich der Stirn) des Gehirns.

Menschen mit unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen betrachten die Welt häufig durch eine sogenannte Traumabrille. Damit ist gemeint, dass aktuelle Situationen unbewusst durch die nicht überwundenen traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit emotional bewertet werden. Die emotionale Verarbeitung von aktuellen Situationen wird somit mehr oder weniger stark durch das Traumagedächtnis oft beeinflusst und das meist unterbewusst.

Die emotionale Reaktion entsteht dabei nicht allein durch das aktuelle Ereignis, sondern auch durch die Erinnerungen und Gefühle, die im Traumagedächtnis gespeichert sind. Dadurch können Situationen bedrohlicher, belastender oder negativer erscheinen, als sie objektiv betrachtet sind.

Die Traumabrille beeinflusst unter anderem:

  • die Wahrnehmung anderer Menschen
  • das Vertrauen in Beziehungen
  • das Selbstwertgefühl
  • die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten
  • den Umgang mit Kritik
  • das persönliche Sicherheitsgefühl

Trigger – Wenn das Traumagedächtnis aktiviert wird

Bestimmte Reize oder Situationen können das Traumagedächtnis aktivieren. Solche Auslöser werden als Trigger bezeichnet.

Ein Trigger muss dabei nicht identisch mit dem ursprünglichen Trauma sein. Oft genügt eine Ähnlichkeit in der Situation, in der Stimmung oder sogar im Tonfall einer Person. Das limbische System erkennt eine vermeintliche Gefahr und reagiert, als wäre die damalige Situation erneut vorhanden.

Typische Folgen können sein:

  • Angstgefühle
  • innere Unruhe
  • Scham
  • Rückzug
  • starke Anspannung
  • Überanpassung
  • Wut oder Hilflosigkeit

Beispiel Trigger: Streit in der Familie

Ein Kind wächst in einer Familie auf, in der die Eltern häufig laut streiten. Das Kind erlebt Angst, Unsicherheit und das Gefühl, den Konflikten ausgeliefert zu sein.

Als erwachsene Person reagiert es später möglicherweise sehr sensibel auf Auseinandersetzungen. Schon kleinere Meinungsverschiedenheiten können starke innere Unruhe oder Angst auslösen. Um Konflikte zu vermeiden, versucht die Person vielleicht ständig, es allen recht zu machen oder eigene Bedürfnisse zurückzustellen.

Die aktuelle Situation wird dabei unbewusst durch die Traumabrille betrachtet. Das Traumagedächtnis erinnert den Organismus an die damalige Bedrohung, obwohl objektiv keine Gefahr mehr besteht.

Beispiel Trigger: Angst vor Kritik

Eine andere Person erlebt während ihrer Kindheit häufig Kritik, Ablehnung oder Unzufriedenheit seitens der Eltern. Sie entwickelt das Gefühl, nie gut genug zu sein.

Im Erwachsenenalter interpretiert sie neutrale Aussagen von Kollegen oder dem Partner möglicherweise schneller als Kritik. Ein kurzer Kommentar oder ein ernster Gesichtsausdruck können starke Selbstzweifel auslösen.

Die Reaktion entsteht nicht allein durch die aktuelle Situation, sondern durch die Aktivierung des Traumagedächtnisses. Die früheren Gefühle von Angst, Scham oder Minderwertigkeit werden erneut erlebt.

Weitere Beispiele für die Wirkung der Traumabrille

Menschen, die in ihrer Kindheit wenig emotionale Sicherheit erfahren haben, befürchten häufig, verlassen oder zurückgewiesen zu werden. Sie interpretieren verzögerte Nachrichten, einen abgesagten Termin oder eine distanzierte Bemerkung schneller als Ablehnung.

Wer hingegen wiederholt Grenzverletzungen erlebt hat, kann besonders wachsam gegenüber möglicher Kritik, Kontrolle oder Machtmissbrauch werden. Auch hier beeinflusst die Traumabrille die Wahrnehmung der Gegenwart.

Das Traumagedächtnis verstehen

Das Verständnis des Traumagedächtnisses hilft dabei, eigene Reaktionen besser einzuordnen. Viele Verhaltensweisen, die im Alltag als übertrieben oder unverständlich erscheinen, sind oft nachvollziehbare Schutzstrategien, die in belastenden Lebenssituationen entstanden sind.

Moderne Traumaforschung, unter anderem durch Wissenschaftler wie Bessel van der Kolk, Peter Levine oder Ruth Lanius, zeigt, dass traumatische Erfahrungen nicht nur psychische, sondern auch neurologische und körperliche Spuren hinterlassen können. Gleichzeitig belegen zahlreiche Studien, dass das Gehirn ein Leben lang lernfähig bleibt. Durch geeignete therapeutische Unterstützung können belastende Erfahrungen verarbeitet und die Wirkung des Traumagedächtnisses schrittweise reduziert werden.

Je besser Menschen die Zusammenhänge zwischen Traumagedächtnis, Triggern und Traumabrille verstehen, desto eher können sie erkennen, dass viele ihrer heutigen Reaktionen nicht Ausdruck einer aktuellen Gefahr sind, sondern Erinnerungen an vergangene Belastungen.

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